Von Rebecca Keller, frei-mutig.de

Hast Du auch das Gefühl, Deine Tage werden immer hektischer und die Momente der Ruhe seltener? Du bist damit nicht alleine: Fast zwei Drittel der Erwachsenen in Deutschland gaben in einer Studie an, dass ihr persönliches Stressempfinden in den letzten Jahren gestiegen ist.

Der Stress scheint meist von außen auf uns zu wirken – insbesondere durch gestiegene Erwartungen und Anforderungen im Job. Doch der zunehmenden Zeitnot sind wir nicht ganz hilflos ausgeliefert. Sowohl beruflich als auch privat gibt es Mittel und Wege, das Tempo etwas zu drosseln – ohne gleich abgehängt zu werden.

Entschleunigung mit Hilfe von Minimalismus

Um unser Leben bewusst zu entschleunigen, können wir auf Ansätze des Minimalismus zurückgreifen. Mit dem Ausdruck Minimalismus ist gemeint, auf alles Überflüssige zu verzichten und sich nur auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Indem wir uns etwa von ungenutzten Gegenständen, ungeliebten Verpflichtungen oder schlechten Gewohnheiten trennen, gewinnen wir mehr Zeit für das, was uns am Herzen liegt – zum Beispiel für unsere Familie und Freunde oder uns selbst.

Wie Minimalismus Dir beim Entschleunigen helfen kann und 5 praktische Tipps, die Du sofort umsetzen kannst, erfährst Du in diesem Beitrag. Wie wäre es dazu mit einer entspannenden Tasse Tee?

Der beschleunigte Alltag

An einem ganz normalen Arbeitstag jagt für gewöhnlich ein Termin den nächsten. Aufgabe reiht sich an Aufgabe – oder wird sogar parallel bearbeitet. Ein hohes Arbeitspensum und Multitasking gehen oft Hand in Hand.

Das Gefühl, alles geschehe heute schneller als noch vor 10 oder 20 Jahren, ist real greifbar. Bestes Beispiel ist die elektronische Kommunikation. Die Zahl der E-Mails, die wir verschicken, hat sich allein im letzten Jahr um mehr als 40 Milliarden erhöht – Chat- und Kurznachrichten noch nicht mitgezählt.

Doch so praktisch diese Wege der Kommunikation auch sein mögen: Je mehr Nachrichten wir schreiben, umso mehr Nachrichten erhalten wir auch, die gelesen und beantwortet werden wollen. Zu der reinen Masse kommt noch hinzu, dass wir uns verpflichtet fühlen, innerhalb immer kurzer Zeit zu antworten. Sei ehrlich: Prüfst Du auch schon alle paar Minuten Deinen Posteingang?

Inzwischen scheint es auch normal geworden, das rasante Tempo auf unsere Freizeit zu übertragen: Selbst am Wochenende sind unsere Terminkalender prall gefüllt und unsere Kinder hetzen nach der Schule vom Musikunterricht zum Sportkurs und anschließend zur Nachhilfestunde.

Was bei all den gut gemeinten und auf Effizienz getrimmten Veränderungen jedoch auf der Strecke bleibt , sind Gelegenheiten zum Durchatmen, Pausen, um nachzudenken und zur Ruhe zu kommen. Einmal rein gar nichts zu tun, kommt uns irgendwie komisch vor.

Zur Ruhe kommen und Weniger Mehr sein lassen - ein Weg zu einem entschleunigteren Leben
Zur Ruhe kommen und Weniger Mehr sein lassen – ein Weg zu einem entschleunigteren Leben

Kaum liegt man für ein paar Augenblicke faul auf dem Sofa, treibt einen das schlechte Gewissen schon wieder an. „Ich könnte jetzt genauso gut die Wohnung putzen / die Steuererklärung machen / den Rasen mähen …“

Dabei spüren wir instinktiv, dass das Zuviel an Beschleunigung uns nicht guttut: Wir sind permanent rastlos und unruhig, unsere Konzentrationsfähigkeit leidet, der Geduldsfaden wird dünner und dünner und unser Vermögen Genuss zu empfinden schwindet.

Kann Minimalismus diese Entwicklungen abbremsen?

Warum weniger mehr ist

“Mehr” lautet die Standard-Antwort auf nahezu jede Frage unserer Zeit. “Weniger” überhaupt als Option zu sehen, kommt uns so gut wie nie in den Sinn.

Dabei wäre es angesichts der beschriebenen negativen Folgen der Beschleunigung umso wichtiger, unsere rasanten Gewohnheiten auszumisten.

Wer einmal darauf achtet, entdeckt in allen Lebensbereichen Vorteile, die das Weglassen des Überflüssigen mit sich bringen kann:

  • Weniger Gegenstände in einer Wohnung bedeuten auch weniger Zeit zum Putzen, Aufräumen und Instandhalten.
  • Je weniger Kleider sich in Deinem Kleiderschrank befinden, desto einfacher fällt Dir dir morgendliche Outfitwahl.
  • Weniger unnötiger Konsum führt dazu, dass Du mehr Geld übrig hast, z. B. zum Sparen oder Investieren. Wenn Du weniger Geld zum Leben brauchst, kann das auch bedeuten, dass Du weniger Stunden arbeiten musst.
  • Sagst Du häufiger zu ungeliebten Einladungen Nein, gewinnst Du Zeit für Beschäftigungen, die Dir wirklich wichtig sind.

Weit verbreitet ist das Vorurteil, wonach Minimalismus vor allem mit Verzicht zu tun hätte und mithin eine eher trostlose Angelegenheit sei. In Wahrheit haben Minimalisten verstanden, dass Ressourcen frei werden (z. B. in Form von Zeit, Energie, Lebensfreude und Geld), wenn man sich von unnützem Ballast befreit.

Und wie hilft Minimalismus nun beim Entschleunigen?

5 Tipps, wie Du mit Minimalismus Deinen Alltag entschleunigen kannst

Entschleunigung heißt, der Beschleunigung unseres Alltags bewusst Phasen der Ruhe und der Langsamkeit entgegenzusetzen. Es geht nicht darum, Fortschritte und technische Entwicklungen per se aufzuhalten oder rückgängig zu machen. Das ist gar nicht möglich.

Es geht aber darum, zu erkennen, dass wir die Beschleunigung unseres Alltags nicht als unveränderbare Tatsache hinnehmen müssen. Zu einem gewissen Teil liegt es in unserer Hand, unser Tempo selbst zu bestimmen.

Entsprechend dem Prinzip des Minimalismus bedarf es zur Entschleunigung den Willen dafür, beschleunigende Handlungen als solche zu erkennen und zu reduzieren und dafür mehr entschleunigende Alternativen einzuführen.

Hier sind 5 Beispiele für Veränderungen, die Du ab sofort einen entschleunigten Alltag umsetzen kannst:

1. Reduziere Deine „schnellen“ Wörter

Nahezu unbemerkt schleichen sich immer mehr Wörter in unsere Gedanken und Sprache, die Hektik erzeugen. Benutzt Du auch häufig Wörter wie „schnell“, „gleich“, „sofort“, „nur kurz“, „eben noch“, „kurzfristig“ oder sogar „asap“? Damit sorgst Du (wahrscheinlich unbewusst und zumeist völlig unnötig) für Stress.

Entschleunigungstipp 1: Reduziere die beschleunigenden Wörter, die Du benutzt.

Stattdessen könntest Du häufiger entschleunigende Wendungen benutzen, z. B.: „Das hat Zeit.“, „Nimm Dir so viel Zeit, wie Du brauchst.“, „Ich nehme mir die Zeit.“, „Eins nach dem anderen“ oder „In der Ruhe liegt die Kraft“.

Die Wirkung: Mit den Wörtern, die Du verwendest, erschaffst Du Deine Realität. Die entschleunigenden Wendungen werden Dir ein Gefühl von „Zeitwohlstand“ schenken. Außerdem wirst Du weniger Zeitdruck auf Deine Mitmenschen ausüben.

2. Beginne den Morgen entschleunigt

Die erste Stunde am Morgen setzt oft den Ton für den weiteren Tag. Wenn wir morgens schon unter Zeitdruck stehen und zur Arbeit hetzen, zieht sich der Stress wahrscheinlich bis zum Abend hin fort.

Entschleunigungstipp 2: Beginne den Morgen bewusst in einem langsamen Tempo.

Dazu kannst Du z. B. einen sanften Weckton wählen, eine Morgenroutine entwickeln und leise in den Tag starten, z. B. mit ein paar Minuten Sport oder Meditation, einem gesunden Frühstück oder einem inspirierenden Text. Verzichten solltest Du in der ersten Stunde des Tages nach Möglichkeit auf alles Laute und Unruhige, wie soziale Medien und Nachrichtenprogramme.

Falls Du morgens leicht in Zeitnöte gerätst, könntest Du in Zukunft ein paar Minuten früher aufstehen. Oder Du sorgst schon am Abend zuvor für einen entspannten Morgen, indem Du etwa Deine (Büro-/Sport-)Tasche packst, ein leckeres Müsli vorbereitest und die Kleider für Dich und Deine Kinder heraussuchst.

Die Wirkung: Du kannst entspannter und bewusster den neuen Tag beginnen und ohne Hektik zur Arbeit aufbrechen.

3. Plane regelmäßige Pausen ein

Wenn wir viel Arbeit und wenig Zeit haben, lassen wir schon Mal leichtfertig unsere Pausen ausfallen. Das Brötchen wird vor dem PC gegessen, der Sportkurs abgesagt und die Schlafenszeit verkürzt. Dabei sorgen gerade regelmäßige Pausen dafür, dass wir fit und leistungsfähig bleiben.

Entschleunigungstipp 3: Achte auf regelmäßige Pausen im Alltag (und verschiebe die Erholung nicht nur auf den Urlaub).

Plane z. B. bei der Arbeit genug Zeit für das Mittagessen ein und einen kurzen Spaziergang an der frischen Luft. Anschließend wirst Du mit neuer Energie und guten Gedanken an Deinen Arbeitsplatz zurückkehren. Auch zwischen einzelnen Aufgaben kannst Du immer wieder für kleine Erholungspausen sorgen und z. B. alle 30 Minuten eine Pause von 5 Minuten einlegen, um zu lüften, etwas zu trinken, Dich zu strecken oder zur Toilette zu gehen.

In Deiner Freizeit kannst Du ebenfalls entschleunigende Rituale einführen und beispielsweise zum Feierabend ein paar Entspannungsübungen durchführen, am Wochenende ein Mittagsschläfchen einlegen oder abends im Bett noch ein paar Seiten in einem Buch lesen.

Die Wirkung: Deine Leistungsfähigkeit bleibt länger erhalten, wenn Du immer wieder für Erholungspausen sorgst. Der kontinuierliche Wechsel zwischen Phasen der Anspannung und Entspannung entspricht eher unserem natürlichen Biorhythmus.

Wenn Dir die Zeit für Pausen zu fehlen scheint, helfen Dir vielleicht die folgenden beiden Entschleunigungstipps weiter:

4. Begrenze Deine Bildschirmzeit

Inzwischen verbringen die meisten von uns jeden Tag nicht nur beruflich viele Stunden vor einem Bildschirm. Auch in unserer Freizeit starren wir stundenlang auf unser Handydisplay, den Fernseher oder ein Tablet.

Entschleunigungstipp 4: Begrenze die Zeit, die Du vor Bildschirmen verbringst.

Einfach mal ausschalten: Begrenze deine Bildschirmzeit und genieße die neue Freizeit
Einfach mal ausschalten – einfach gesagt (geschrieben), sehr schwer getan…

Du kannst z. B. am Smartphone eine tägliche Höchstnutzungsdauer einstellen, ab einer gewissen Uhrzeit zu Hause das WLAN ausstellen oder das Einschalten des Fernsehers erschweren (nach dem Benutzen das Kabel aus der Steckdose ziehen oder die Fernbedienung wegräumen).

Die Wirkung: Nicht nur Deinen Augen und Deinem Körper wird eine Bildschirmpause guttun. Du gewinnst auch mehr Zeit für andere schöne Dinge, z. B. zum Lesen, Sport treiben oder Kochen.

5. Miste die Werbung in Deinem Umfeld aus

Jeden Tag werden wir mit hunderten von Werbebotschaften bombardiert. Die Anzeigen sind allgegenwärtig und wecken Wünsche in uns, die oftmals gar nichts mit unseren wahren Wünsche zu tun haben.

Kostenlos mit sich bringen die Werbebotschaften zudem das Gefühl, nicht genug zu haben bzw. nicht gut genug zu sein. Um mitzuhalten, sollen wir (noch) mehr konsumieren, die aktuellen Trends übernehmen und voll funktionsfähige Gegenstände durch neue ersetzen.

Das nie still stehende Konsumrad lässt das Gerümpel in unseren Wohnungen anwachsen, unseren Kontostand schrumpfen und uns unnötig Ressourcen verschwenden. Auch die Zeit, die wir fürs Informieren, Vergleichen, Einkaufen, Umtauschen und Entsorgen von neueren Produkten benötigen, könnten wir uns besser sparen.

Entschleunigungstipp 5: Reduziere die Werbung, der Du Dich täglich aussetzt.

Dazu könntest Du Newsletter von Shops abbestellen, Kundenprogramme kündigen, TV und Radio stumm- oder ausstellen, wenn Werbung kommt, unterwegs eine eigene Playlist oder Podcasts ohne Werbung hören und Filme ohne Werbung anschauen.

Außerdem könntest Du auf Frauenzeitschriften, die gefühlt 90 Prozent Werbung enthalten (und ein fragliches Schönheitsideal propagieren), verzichten. Beim Einkaufen vermeidest Du (später bereute) Impulskäufe am besten, indem Du eine Einkaufsliste nutzt.

Die Wirkung: Du wirst seltener Zeit beim Shopping verbringen und weniger Überflüssiges kaufen. Je weniger Werbebotschaften Du empfängst, desto genauer wirst Du außerdem wahrnehmen, was Du wirklich brauchst – und was nicht. Wenn Du nicht mehr so häufig darauf aufmerksam gemacht wirst, was Du nicht hast, wirst Du Dich letztlich besser fühlen und selbstsicherer sein.


Über Gastautorin Rebecca

Rebecca Keller - frei-mutig.de

Rebecca Keller schreibt auf ihrem Blog www.frei-mutig.de über Minimalismus, gute Gewohnheiten und Auszeiten vom Alltag. Anhand von vielen praktischen Beispielen erklärt sie, wie jeder von uns ein einfacheres und glücklicheres Leben führen kann. Die Vorteile des Minimalismus hat sie für sich entdeckt, nachdem sie zu ihrem Freund in ein rund 30 m ² kleines 1-Zimmer-Appartment nach Münster gezogen war und nach einer Lösung für das Platzproblem gesucht hat.